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Design als Klon der Seele – ein Interview mit dem Galeristen P. Hadži-Manović

2016 | 07 | 15

Dieses Gespräch zwischen Martha Kern und Pedja Hadži-Manović untersucht den metaphysischen Charakter des Designs von Chandigarh – nicht dessen historischen Kontext oder faktische Ebene. Wir sind gewohnt, unseren Verstand einzusetzen und können so Bedeutung und Wert eines Designstück auf intellibler Ebene fassen. Design ist jedoch mehr, wird auch als unbewusst und emotional wahrgenommen. Erst hier wird Design komplex. Design ist mehr als bloße Dekoration oder Zeitgeistphänomen; es fungiert als Wahrnehmungsphänomen, das als solches dringt es tief in uns und unser sein ein.

Was schätzen Sie am Design von Chandigarh?
Ich liebe Le Corbusier und seinen Cousin Pierre Jeanneret, die uns beide großartige Gebäude hinterlassen haben. Es muss einen Grund geben, warum wir sie zu den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts zählen (lacht). Die meisten Architekturtheoretiker schätzen ihr Werk, weil es das Konzept der Moderne und ihre Dogmen vorangetrieben hat. Was ihr Œuvre jedoch so reich macht, sind die existenziellen Fragen, die es aufwirft und die ihren Entwürfen eine spirituelle Dimension verleihen.
 

Der Philosoph Walter Benjamin betonte den rituellen Aspekt der Kunst und die Tatsache, dass sie als Zugang zu unserem Unterbewusstsein fungiert – mit seinen Ängsten, Begierden und anderen Emotionen. Hier werden Kunst und Design intensiv.

Aber sie entwarfen für eine moderne Gesellschaft, die einen rationalen Ansatz suchte. Das widerspricht deinem Standpunkt.
Natürlich. Chandigarh war eine Stadt, die das Ideal einer modernen, rationalen Lebensweise verkörpern sollte. Doch ehrlich gesagt, waren ihre Gebäude nicht besonders funktional. Darum ging es nicht primär. Sie versuchten, ihre rationalistische Ideologie mit einem irrationalen, metaphysischen Moment aufzuladen. Le Corbusier definierte Architektur einmal als Dienst am Tier, am Herzen und am Geist (servir à la bête, et au cœur, et à l’esprit). Das ist ausgesprochen anti-rational und betont den animalischen Aspekt der Wahrnehmung. Hinter der rationalen Fassade existiert eine tiefere Schicht, die unsere Seele berührt und das Tier in uns weckt.

Ist das der Schlüssel zum Verständnis ihrer Objekte und Architektur?
Ich glaube ja, würde jedoch das Wort „Verstehen“ vermeiden. Kunst ist ein Medium, das mit Bildern arbeitet und vielfältige Sinneseindrücke erzeugt. Manche erscheinen unlogisch und sind nicht klar zu fassen – Design wirkt wie Kunst als kultisches Fetischobjekt. In sie projezieren wir unser Visionen, wie etwas von Ewigkeit, Leben, Tod, Freiheit, Reinheit, Grossartigkeit, Heiligkeit oder Richtigkeit. Ihre Abstraktion fordert uns auf, Fragen zu stellen, die durchaus existenziell sind. Am Ende geht es weniger um das Designobjekt selbst als um seine Fähigkeit, Emotionen oder spirituelle Ideen auszudrücken, die tiefer reichen als rationales Denken.

Kann ein einfacher Tisch wirklich eine solche Komplexität enthalten?
Ja. Andernfalls würde er uns nicht berühren. Der Konferenztisch wie auf den Abbildungen hier von Pierre Jeanneret wirkt banal. Doch gerade diese Rauheit bringt Radikalität zum Ausdruck und provoziert grundlegende Fragen des Seins. Dieser Tisch steht für das Elementare, alles Überflüssige wurde getilgt. Er weckt Neugier auf das Existenzielle oder auf das Unverdorbene. Hier regt Design zur Reflexion über uns selbst und unser Inneres an.

Sie glauben also, der Tisch offenbare eine tiefere Wahrheit?
Ja, in gewisser Weise – aber nicht so, wie man vielleicht denkt. Alles in Pierre JeanneretsPierre Jeanneret Design wirkt pragmatisch und ehrlich, doch Wahrheit im Design wie in der Kunst sind immer eine Illusion. In dem Versuch, wahrhaftig zu erscheinen, liegt ein faszinierender Widerspruch, den Jeanneret verstand und bewusst nutzte. Für den Bibliothekstisch entwarf er beispielsweise eine sehr dick wirkende Platte, die den Eindruck eines massiven Blocks vermittelt. Blickt man jedoch darunter, erkennt man, dass nur der Rand dick ist, während der Kern dünn bleibt. Wahrheit und Illusion existieren gleichzeitig und verweisen auf ein bestimmtes Weltbild.

Suchen Sie in diesen Objekten also die Komplexität des Menschen?
Das berührt mich am meisten. Diese Stücke sind Werkzeuge, um uns selbst zu verstehen – Themen von zeitloser Relevanz. Zeitgeist oder manieristische Fragen interessieren mich nicht; ich brauche Tiefe, um angeregt zu werden. Gleichzeitig reagiert jeder Mensch anders auf diese Objekte: auf ihre formale Einfachheit, ihre Nonchalance, ihren rohen Charakter oder ihre Patina. Jeannerets Objekte besitzen viele Schichten, und jedes Mal entdeckt man eine neue.
Bitte missverstehe mich hier nicht. Ich sehe hier keine Wahrheit, kein Glück, nichts Göttliches, auch möchte ich in diesen Objekte nicht als Selbstfindungstherapie verkaufen. Ich sage nur, dass sie die vermögen uns zu faszinieren und bestimmte Sehnsüchte in sich zu projizieren.

Warum sind diese Designobjekte heute so teuer?
Der Wertbegriff unterscheidet sich grundlegend vom Qualitätsbegriff. Ja, diese Objekte sind teuer. Sie wurden von einem der bedeutendsten und einflussreichsten Architektenduo des 20. Jahrhunderts entworfen. Jedes Stück ist ein Unikat, mit eigenen Maßen, und unterscheidet sich stark von der industrialisierten Massenproduktion wie etwa bei Eames, Mies van der Rohe oder Kjaerholm. Seit Chandigarh zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde, erfährt es zudem deutlich mehr Aufmerksamkeit. Um 2010 gabe es auch einen Hype, welcher überwunden wurde. Die außergewöhnliche Patina, die Geschichte sichtbar macht, findet sich mit dem Bedürfnis des Sammlers etwas einmaliges zu finden.

Ist es nicht pervers, dass ein Design für einfache Menschen heute so teuer ist?
Le Corbusier und Pierre Jeanneret entwarfen für Reiche und Arme auf dieselbe Weise. Sie suchten nach einer Sprache für den Menschen – nicht für eine bestimmte soziale Schicht.

Aber heute zahlt man 100.000 Euro für einen Tisch von Pierre Jeanneret – ist das nicht verrückt?
Vielleicht ist es verrückt, wenn man kein Geld hat. Kann man es sich leisten, sieht das anders aus. Stellen Sie sich vor, Sie sind sehr reich und haben die Wahl zwischen einem guten Tisch für 1.000 Euro und meinem fantastischen Tisch für 100.000 Euro. Wenn Geld keine Rolle spielt, warum sollten Sie den günstigen wählen? Meine Tische sind magisch – ein primitives Artefakt: asketische Rauheit, archetypische Form, Großartigkeit. Zudem ist es einer der wichtigsten Tische des 20. Jahrhunderts. Das ist das Schöne am Geldes: Man kann es gegen etwas Spirituelles eintauschen, gegen ein solches Designobjekt.

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