News

galleries-and-auctions-investments
Design und Chandigarhobjekte – Investitionspotential für 2026

Design und Chandigarhobjekte – Investitionspotential für 2026

2025 | 12 | 29

2020 bis 2025: Der Markt im Stresstest
Die Covid-Jahre 2020 und 2021 waren generell schwierig für den Kunsthandel. Ohne Ausstellungen und Messen kam der Handel beinahe zum Erliegen. Klassische Kunstgalerien ohne Onlinepräsenz litten stärker als digitalisierte Häuser. Designmöbelgalerien mit Onlinepräsenz erlebten hingegen Nachfrage: Sammler, die nun zuhause festsassen, investierten in die Aufwertung ihres Zuhauses. Die zweite Krise dauerte von 2022 bis 2025: Inflation, Rezessionsängste, geopolitische Spannungen und Handelskriege führten zu einer zurückhaltenden Käuferschaft. Global fiel der Kunsthandel 2024 um 12%, der Auktionsmarkt brach im ersten Halbjahr 2025 um 7% ein.¹ Umsatzeinbrüche der grossen Akteure wie bei Hauser & Wirth um 50% geben zu reden.²

Die Art Basel- und UBS-Studie attestiert dem Designmarkt jedoch eine Resilienz für die Periode 2023 bis 2025. Preise fielen im Vergleich zum übrigen Kunstmarkt kaum. Die Umsatzrückgänge fanden primär im hochpreisigen Segment statt. Die grossen Designgalerien kämpften mit hohen Fixkosten und Umsatzrückgängen. Der Markt verlangte nach Wandel, und neue innovative Galerien etablierten sich.

Ein Generationenwechsel bei der Käuferschaft zeichnete sich zusätzlich ab, etwas, das schleichend passierte, aber jetzt plötzlich die Designgalerieszene traf und neue Sammler aber auch Anforderungen schuf. Bei vermögenden Privatkunden (High-Net-Worth Individuals) stellen die Boomer (Geburtsjahr 1946 bis 1964) weiterhin jene Sammlergruppe mit dem stärksten Umsatz dar: Sie kaufen teure, aber wenige Werke. Umsatztechnisch folgen die Millennials (Geburtsjahr 1981 bis 1996), die mit 55%³ den Markt dominieren. Die experimentierfreudige Generation Z kauft am zahlreichsten, aber preiswertere Designobjekte und baut ihre Sammlungen kontinuierlich aus. Der Markt durchläuft eine Transition, die mehr Qualität und Innovation abverlangt - eine Chance für den gesamten Designmarkt.

> more
 


Design etabliert sich als Wertanlage
Design ist aus der Randposition in das klassische Repertoire der Sammler getreten. Beschränkte sich die Designbegeisterung früher auf einen Nischenbereich und galt als Insidertipp, so interessiert sich mittlerweile ein breites Publikum für Design. Die Art Basel- und UBS Studie für 2025 zeigt, dass 20% der befragten Kunstsammler (High-Net-Worth Individuals) beabsichtigen, Design in ihre Sammlung aufzunehmen. Noch vor wenigen Jahren waren es unter 3%, welche Design in ihr Portfolio aufnehmen wollten. Diese Interessenten betrachten Design als unterbewertet gegenüber der klassischen Kunst bei vergleichbaren Qualitätsmerkmalen. Design gilt nicht mehr als Experimentierfeld, sondern als ernsthaftes Sammlergebiet und legitime Investition.

Erst seit gut 35 Jahren hat sich Design als relevantes Sammelobjekt etabliert. Institutionen wie das Vitra Design Museum, das Centre Pompidou, das MoMA, Auktionshäuser wie Wright, Piasa, Christie's, Phillips, Sotheby's, und Messen wie Design Miami (seit 2005) legitimierten Design als Kulturgut. Der Markt hat jene Phase erreicht, in der Möbelobjekte zu sammelbaren Investitionen werden. Erzielten auf Auktionen zwischen 2000 und 2020 etwa 20 Designobjekte Preise über 1 Million USD, so haben allein in den Jahren 2024 und 2025 mehr als 20 Designobjekte diese Grenze überschritten. Eine bemerkenswerte Beschleunigung. Designobjekte von Eileen Gray, Jean Prouvé, Carlo Mollino, Diego Giacometti, Frank Lloyd Wright oder François-Xavier Lalanne, dessen Hippopotame Bar soeben einen neuen Rekord mit 31,4 Millionen Dollar⁴ erzielte, verdeutlichen diese Entwicklung exemplarisch.

Design erwies sich 2020 bis 2025 als krisenresistent. Während der Kunstmarkt zwischen 2022 und 2025 litt und ein Preisverfall zu erkennen war, stagnierten die Preise auf dem Designmarkt lediglich. Diese Resilienz macht Design für die Zukunft interessant und deutet darauf hin, dass die Nachfrage wächst und die Preise generell nicht überbewertet sind.

Das Investmentpotenzial von Chandigarhobjekten
A) Historische Relevanz und Marktposition
Das Design der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bleibt wegen seiner historischen Bedeutung und Innovation einmalig. Diese Epoche stellt den Nukleus der gesamten Designtradition bis heute dar. Pierre Jeanneret und Le Corbusier gelten bis heute als das bedeutendste und prägendste Architektenteam unserer Ära. Diese Stellung ist historisch gefestigt und wird sich auch durch neue Designer nicht mehr relativieren lassen. Diese Tatsachen definieren die Relevanz und den Wert ihrer Werke.

Die Preise für Chandigarhobjekte haben in den letzten 30 Jahren eine eigene Dynamik aufgezeigt. Mit der «Neuentdeckung» kam es um 2005 zu einer Preisexplosion. In der Hype- und Preistreibereiphase, die Galerien zusammen mit Auktionshäusern kultivierten, erreichte ein «Office Cane Chair PJ-SI-28-A» einen Preis von 12.500 Dollar⁵ (heutiger Wert etwa 4.200 Dollar). 2015 wurde ersichtlich, dass viele Objekte nicht so selten wie behauptet waren, was zu einer Preiskorrektur führte. Das Aufkommen von Fälschungen trug zu Unsicherheiten bei und beeinträchtigte die Preise zusätzlich. Die Preise steigen seit einigen Jahren wieder kontinuierlich, nachdem die Fragen der Seltenheit geklärt sind und beim Thema der Authentizität klarere Vorstellungen bestehen. Objekte, die Seltenheit mit Nutzbarkeit verbinden, entwickelten sich besonders gut. Sessel aus Chandigarh etwa sind begehrt: Sammlerstück, Wohnobjekt und Statussymbol in einem.

B) Wertfaktoren und Investitionskriterien
Authentizität ist entscheidend. Unsicherheit schlägt sich bei Auktionen in zurückhaltenden Geboten nieder, während seltene Stücke mit gesicherter Provenienz Höchstpreise erzielen. Preise springen oder fallen, wenn Originale von Fälschungen nicht mehr unterschieden werden können. Die Bedeutung der Authentizität und Provenienz nimmt zu und macht aus, dass Design als Investition keinen Wertverlust erleidet. Zertifikate auf Blockchain-Technologie machen die Provenienz überprüfbar und nachvollziehbar. Diese Technologie, die erfolgreich bei Diamanten eingesetzt wird, um problematische Herkunft auszuschliessen, findet zunehmend auch im Designmarkt Anwendung.

Die Preisentwicklung hängt auch zunehmend von der Qualität der Restaurierung und der Patina ab. Bis etwa 2015 war Überrestaurierung nicht unüblich: Patina wurde ersetzt, Gebrauchsspuren eliminiert, die Oberfläche von ihrer Geschichte befreit. Solche Objekte verlieren heute an Wert, weil diese Eingriffe wichtige Authentizitätsindikatoren auslöschen. Die Prioritäten haben sich verschoben. Objekte mit reicher Patina und subtiler, behutsamer Restaurierung gewinnen stärker an Wert. Patina, Rost und originale Farbbemalung finden zunehmend Wertschätzung – eine Entwicklung, die sich verstärkt.

Die kunsthistorische Relevanz des Designers, die beschränkte Verfügbarkeit, die klare Abgrenzung originaler Erstauflagen von späteren Reproduktionen, all dies fördert die Wertsteigerung. Narrative Aspekte prägen den Wert in gleichem Masse. Entstand ein Mythos um den Gestalter oder das Objekt, so erhöht sich das Begehren und somit auch der Sammlerwert.

Schlussbetrachtung
Chandigarh-Objekte zählen zu den wertvollsten Sammlerstücken des Designs und haben ihre dauerhafte Relevanz bewiesen. Die stark steigende Nachfrage über alle Sammlergenerationen hinweg, das gewachsene Vertrauen in Design als Investition und die geschärfte Aufmerksamkeit für Authentizitätsnachweise schaffen stabile Bedingungen für den Markt und legitimieren den Wertzuwachs. Diese Entwicklung wird sich 2026 verstärken.


¹ Clare McAndrew, Survey of Global Collecting (Basel: Art Basel and UBS, 2025), 21.
² Tippinpoint, "Schweizer Stargalerist Iwan Wirth: Brechen die Geschäfte in Grossbritannien ein?," accessed December 27, 2025, https://www.tippinpoint.ch/artikel/78340/schweizer_stargalerist_iwan_wirth_brechen_die_geschaefte_in_grossbritannien_ein.html.
³ Clare McAndrew, Survey of Global Collecting (Basel: Art Basel and UBS, 2025), 46.
⁴ Sotheby's, "Hippopotame Bar, Piece Unique," Important Design Featuring the Schlumberger Collection, 2025, https://www.sothebys.com/en/buy/auction/2025/important-design-featuring-the-schlumberger-collection/hippopotame-bar-piece-unique.
⁵ Phillips, "Pierre Jeanneret, Pair of 'Office' Armchairs, Model No. PJ-SI-28-A," accessed December 25, 2025, https://www.phillips.com/detail/pierre-jeanneret/77818?fromSearch=pj-si-28&searchPage=1.

© Sotheby's

historic-jeanneret-chandigarh-lake
Pierre Jeanneret: Die Transformation und die Einordung seines Werkes

Pierre Jeanneret: Die Transformation und die Einordung seines Werkes

2025 | 12 | 17

Pierre Jeanneret (1896–1967) gehört zu den einflussreichsten, wenngleich oft unterschätzten Persönlichkeiten der modernen Architektur und des Möbeldesigns des 20. Jahrhunderts. Als Büropartner und Cousin von Le Corbusier prägte er über drei Jahrzehnte hinweg die Entwicklung der modernen Architektur mit und schuf Möbelentwürfe, die heute zu den Ikonen des Designs des 20. Jahrhunderts zählen. Sein Spätwerk in Chandigarh, die von Grund auf neu geplante Hauptstadt des indischen Bundesstaates Punjab, stellt einen Höhepunkt seines Spätwerks dar und dokumentiert eindrücklich seinen Ansatz, Modernismus mit lokalem Kontext und klimatischen Anforderungen zu verbinden.

Frühe Jahre und Ausbildung
Pierre Jeanneret wurde am 22. März 1896 in Genf geboren, in eine Familie, die bereits architektonische Traditionen pflegte. Sein Cousin Charles-Édouard Jeanneret, der sich später Le Corbusier nennen sollte, war dreizehn Jahre älter und sollte einen prägenden Einfluss auf Pierres berufliche Laufbahn ausüben. Pierre absolvierte seine Ausbildung an der École des Beaux-Arts in Genf. Im Januar 1920 verliess Jeanneret die Schweiz und zog nach Paris, wo er von 1921 bis 1922 im Büro der Gebrüder Perret arbeitete. Diese Erfahrung bei Auguste Perret, einem Pionier des Stahlbetonbaus, war prägend für seine spätere Arbeit.
> more

Die Partnerschaft mit Le Corbusier (1921–1940)
1921 begann er mit Le Corbusier eine Partnerschaft, während er noch bei den Gebrüdern Perret arbeitete. 1922 gründeten sie gemeinsam ein Büro. Diese Kollaboration erwies sich als ausserordentlich fruchtbar und führte zur Realisierung einiger der bedeutendsten Bauten der klassischen Moderne. Obwohl Le Corbusier oft als alleiniger Urheber der gemeinsamen Projekte wahrgenommen wurde, war Pierre Jeanneret tatsächlich ein gleichberechtigter Partner, der sowohl konzeptionell als auch praktisch zur Ausarbeitung und Umsetzung der Entwürfe beitrug. Die beiden teilten Forschungsinteressen und gestalterische Prinzipien in einer tiefen und lebenslangen professionellen Beziehung. Gemeinsam entwickelten sie die "Fünf Punkte einer neuen Architektur" (Cinq points de l’architecture moderne, 1927), die zu den Grundpfeilern der modernen Bewegung wurden: die Pilotis (Stützpfeiler), die Dachterrasse, der freie Grundriss, das Langfenster und die freie Fassade. In den achtzehn Jahren ihrer Partnerschaft realisierten sie zahlreiche wegweisende Projekte, die zu Ikonen der modernen Architektur wurden. Zu den herausstechenden gemeinsamen Werken der Partnerschaft zählen:
- Villa Le Lac (1923-1924) – ein Kompakthaus mit raffiniertem Interieur.
- Maisons La Roche-Jeanneret in Paris (1923-1925) – ein Meisterwerk, das durch seine «Promenade Architecturale» hervorsticht.
- Ozenfant-Haus in Paris (1922) – ein experimenteller Bautypus, der eine kompakte Wohn- und Atelierstruktur hervorbrachte.
- Pavillon L'Esprit Nouveau (1925) – Gegenentwurf zum dominierenden Art Déco, präsentiert an der Exposition Internationale des Arts Décoratifs.
- Weissenhofsiedlung Stuttgart (1927) – zwei Musterhäuser, die ihre architektonischen Prinzipien exemplarisch demonstrierten.
- Maison Cook in Boulogne-sur-Seine (1926) – innovatives Stadthaus mit der charakteristischen Pilotis-Konstruktion.
- Maison Guiette in Antwerpen (1926) – frühes Beispiel ihrer Prinzipien in Belgien
- Villa Savoye in Poissy (1928-1931) – gilt als das vollendete Manifest der modernen Architektur und als Höhepunkt ihrer puristischen Phase.
- Villa Baizeau in Tunis (1929) – zeigt die Anpassung modernistischer Prinzipien an das mediterrane Klima.
Weitere wichtige Projekte waren die Cité Frugès in Pessac bei Bordeaux (1924-1927), ein ambitioniertes Sozialwohnungsprojekt mit rund fünfzig Häusern, sowie die Fondation Suisse, ein Studentenwohnheim (1931–1933).Ihre Aktivitäten erstreckten sich auch auf den Städtebau. Sie entwickelten visionäre Projekte wie die "Ville Contemporaine" für drei Millionen Einwohner (1922) und den "Plan Voisin" für Paris (1925), die kontroverse Diskussionen über die Zukunft der Stadt auslösten. 1927 nahmen sie am Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf teil, wo ihr Entwurf die meisten Jurystimmen erhielt, aus formalen Gründen jedoch nicht realisiert wurde.
Während Le Corbusier die theoretische Artikulation und öffentliche Präsentation der gemeinsamen Arbeit dominierte, war Pierre Jeanneret integraler Bestandteil des gesamten Entwurfs- und Realisierungsprozesses. Seine Kenntnisse in Konstruktion und Detailplanung waren ebenso entscheidend wie seine gestalterischen Beiträge. Diese Arbeitsteilung war charakteristisch für ihre Zusammenarbeit und erklärt teilweise, warum Jeannerets Beitrag lange Zeit unterschätzt wurde.

le-corbusier-and-jeanneret-villa-le-lac-interiorLinks: Le Corbusier und Pierre Jeanneret am Strand von Piquey, 1933; rechts: Villa Le Lac von Jeanneret und Corbusier – Innenansicht.

Möbeldesign und die Charlotte Perriand-Kollaboration
Ein weiterer wesentlicher Aspekt von Pierre Jeannerets Werk ist sein Beitrag zum Möbeldesign. Ab 1927 arbeitete das Büro mit der Designerin Charlotte Perriand zusammen, was zu einer Reihe ikonischer Möbelentwürfe führte. Zu den bekanntesten gehören der LC1-Sessel (Basculant), der LC2-Sessel (Grand Confort) und der LC4-Liege (Chaise Longue), die aktuell als Gemeinschaftsprojekt zwischen Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand gedeutet werden.

Diese Möbel repräsentierten eine radikale Abkehr von traditionellen Einrichtungskonzepten. Sie verwendeten moderne Materialien wie verchromten Stahlrohr. Die Möbel wurden nicht als dekorative Objekte verstanden, sondern als "équipement de l'habitation" – als Ausstattung für das moderne Wohnen, die Komfort mit industrieller Ästhetik verbanden.

Die Zusammenarbeit mit Perriand war besonders produktiv und führte zu einer Neudefinition des modernen Möbeldesigns. Während Le Corbusier oft die konzeptionelle Richtung vorgab, waren es Jeanneret und Perriand, die die praktische Ausarbeitung und Verfeinerung der Entwürfe übernahmen. Diese Möbel wurden erstmals 1929 auf dem Salon d'Automne in Paris präsentiert und lösten Diskussionen aus. Sie markierten einen Wendepunkt im europäischen Möbeldesign und beeinflussten Generationen von Gestaltern.

perriand-le-corbusier-jeanneret-villa-la-rocheLinks: Charlotte Perriand, Le Corbusier und Jeanneret; rechts: Maison La Roche und LC4 Chaiselongue von Jeanneret und Perriand.

Die Zeit in Grenoble und BCC (1940–1950)
Nach dem Ende der Partnerschaft mit Le Corbusier im Jahr 1940, das teilweise auf persönliche Differenzen und die veränderten Umstände des Zweiten Weltkriegs zurückzuführen war, liess sich Pierre Jeanneret in Grenoble nieder. Bereits 1939 hatte er gemeinsam mit Charlotte Perriand, Jean Prouvé und dem Journalisten, Sportmanager und Unternehmer Georges Blanchon das Bureau Central de Construction (BCC) aufgebaut, ein Unternehmen, das vorgefertigte, kostengünstige und demontierbare Baukonstruktionen entwickelte.

Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sich Jeanneret aktiv in der Résistance unter dem Decknamen "Guidondevélo" und arbeitete mit seinen Kollegen Georges Blanchon und Jean Prouvé im Widerstand zusammen. Gleichzeitig trieb das BCC bahnbrechende Projekte im vorgefertigten Leichtbau und im Bereich demontierbarer Wohnbauten voran – Projekte, die heute als einer der prägendsten Beiträge zum französischen Nachkriegsdesign gelten. BCC wurde 1952 aufgelöst.

perriand-bookcase-prouve-greenoble-8-8-bccLinks: Bücherregal von Perriand und Jeanneret; rechts: Innenraum eines zerlegbaren 8×8-Hauses von Prouvé und Jeanneret.

Das Chandigarh-Projekt ab 1951
Ein weiterer Wandel von Pierre Jeannerets Karriere sollte nach 1950 kommen. Nach der Teilung Indiens im Jahr 1947 verlor der Bundesstaat Punjab seine Hauptstadt Lahore, die nun zu Pakistan gehörte. Die indische Regierung unter Premierminister Jawaharlal Nehru beschloss, mit Chandigarh eine neue Hauptstadt zu errichten, ein Symbol für das moderne, unabhängige Indien. 1950 wurde Le Corbusier beauftragt, diese neue Stadt Chandigarh zu entwerfen. Le Corbusier holte Pierre Jeanneret für das Projekt hinzu; eine Entscheidung, die sich als entscheidend für den Erfolg des ambitionierten Vorhabens erweisen sollte.

Während Le Corbusier hauptsächlich für die Gestaltung der monumentalen Regierungsgebäude im Kapitol-Komplex verantwortlich war und nur gelegentlich nach Chandigarh reiste, übernahm Pierre Jeanneret die alltägliche Leitung des Projekts vor Ort. Von 1951 bis 1965 lebte und arbeitete er in Chandigarh und widmete sich der Umsetzung der Stadtplanung. Seine Bauten gingen mehr auf lokale Bedürfnisse und Gegebenheiten ein, und waren pragmatischer als jene von Le Corbusier. Er war für die Planung zahlreicher öffentlicher Gebäude verantwortlich, darunter Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude, sowie Wohnkomplexe.

Seine Entwürfe zeichneten sich durch eine intelligente Anpassung modernistischer Prinzipien an das feuchtsubtropische Klima Nordindiens aus. Er entwickelte innovative Lösungen für Sonnenschutz, natürliche Belüftung und Hitzeableitung, die die Gebäude bewohnbarer und funktionaler gestaltete. Er entwickelte verschiedene Haustypen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Einkommensschichten, die sowohl erschwinglich als auch architektonisch komplex waren. Diese Entwürfe berücksichtigten indische Lebensgewohnheiten und familiäre Strukturen, integrierten traditionelle Elemente wie Veranden und verbanden diese stets mit modernistischen Prinzipien. Die Gebäude verwendeten lokale Materialien, insbesondere Ziegelstein und Beton, und wurden so konzipiert, dass sie von lokalen Handwerkern ausgeführt werden konnten.

jeanneret-on-a-bicycle-chandigarh-secretariat-buildingLinks: Jeanneret besucht die Baustelle des Sekretariatsgebäudes in Chandigarh; rechts: Palast der Versammlung in Chandigarh.

Das Chandigarh-Mobiliar:
A) Experimentelle Phase
Parallel zur architektonischen Arbeit entwickelte Pierre Jeanneret ein umfangreiches Mobiliar für die öffentlichen Gebäude Chandigarhs und für spezifische Wohnbauten. Diese Möbel stellen einen eigenständigen Beitrag zum Designkanon des 20. Jahrhunderts dar. Sie unterscheiden sich von seinen vorangehenden Arbeiten, aber auch von anderen Tendenzen der regionalistischen Moderne. Die frühen Objekte, insbesondere die Sitzmöbel bis 1955 (heute als PJ-SI-011 bis PJ-SI-12 katalogisiert), zeigen eine wilde, fast kindliche Experimentierfreude. Stühle wurden aus Bambus, Seilen, Metallgerüsten, Rohrgeflecht oder Ketten konstruiert, waren demontierbar und ignorierten bewusst die ästhetischen Grundprinzipien der Moderne. Es wirkt, als hätte Jeanneret hier ein befreites Experimentierfeld geschaffen, auf dem er Dogmen, Professionalismus und die Stilvorgaben der Moderne über Bord warf.

Ein besonders prägnantes Beispiel ist der Stuhl PJ-SI-07-A, dessen Sitzfläche an Ketten von den Armlehnen hängt. Viele dieser Objekte waren einfach zu produzieren - Bambus wurde mit wenigen Seilen oder anderen improvisierten Konstruktionen zusammengeflickt. Die Möbel zeigen eine pragmatisch-architektonische Formsprache: Gerüste tragen leichte Sitz- und Rückenflächen. Der Kontrast zwischen Tragendem und Getragenem betont die konstruktive Logik und verleiht den Objekten eine rohe, fast skulpturale Qualität. Doch diese frühen Entwürfe waren oft zu fragil für den Alltag - sie blieben Prototypen, die Jeannerets ungebändigten Gestaltungswillen dokumentieren.

pj-si-01-c-and-pj-si-04-a-bamboo-chairs-jeanneretLinks: Sessel PJ-SI-01-C von Jeanneret; rechts: Sessel PJ-SI-04-C von Jeanneret.

B) Archetypisches Design
Schnell kristallisierte sich eine einheitlichere Formensprache und -logik heraus. Damit ließ sich eine ganze Stadt mit Möbeltypen ausstatten, die lokale Handwerker mit vorhandenen Materialien umsetzen konnten. Teak- oder Sissoo-Balken, zu A-, X-, Z- oder Brückenformen zusammengefügt, bilden die Tragstruktur und die Grammatik der meisten Möbel. Westliche Formklarheit trifft auf die indische Nonchalance und lässt eine befreiende Direktheit ohne übertriebene Gestaltereien entstehen. Hat Pierre Jeanneret im Nicht-Design die höchste Form der Gestaltung erkannt – eine Gestaltung, bei der das Poetische des Alltäglichen den Vorrang vor ambitioniertem Gestaltungszwang hat? Einfache und klare Formen erschaffen eine beinahe banale Einfachheit. Wären nicht die kleinen Präzisierungen: Bestimmte Kanten werden abgerundet, Holzbalken verengen sich zum Rand, Befestigungen werden geschickt versteckt und den Proportionen wird ein besonderes Augenmerk geschenkt.

Indien war für Pierre Jeanneret eine Befreiung. Lebensnähe und deren Schönheit wurden prägender. Dieselbe Tendenz zeigt sich zeitgleich bei Le Corbusier. Archaische und primitive Möbeltypen gelangen in den Fokus. 1952 entwickelte er einen Hocker für sein Le Cabanon, der eine blosse Kiste ist und 1953 für seine Projekte in Ahmedabad einen Hocker, der aus einem Stahlrohr und einer banalen Sitzfläche bestand.
Spielen bei Pierre Jeanneret funktionale und pragmatische Aspekte beim Chandigarh-Projekt immer mit, so sollte man hier nicht von funktionalem Design sprechen. Die eigentliche Absicht besteht darin, mit alltäglichen Mitteln Wesentliches zu erschaffen. Pierre Jeanneret wie auch Le Corbusier wollten Essentielles finden, wobei das Poetische immer auch ein Bestandteil davon ist. Bei Pierre Jeanneret war es mehr pragmatisch und näher beim Menschen, bei Le Corbusier kam eine spiritualistische und visionäre Ebene hinzu.

lc-14-a-stool-and-pj-si-58-a-metal-legged-stoolLinks: Hocker LC-14 von Le Corbusier; rechts: Hocker PJ-SI-58-A von Jeanneret.

Pierre Jeanneret kehrte 1965 nach 14 Jahren zurück in die Schweiz und verstarb am 4. Dezember 1967 in Genf.

© Canadian Centre for Architecture, © FLC/ADAGP, © Sotheby’s, © Galerie Patrick Seguin, © Olivier Martin Gambier.

blockchain-certificate-pierre-jeanneret-gallery-zurich-chandigarh
Warum Blockchain-Zertifikate für Ihre Designobjekte

Warum Blockchain-Zertifikate für Ihre Designobjekte

2025 | 12 | 12

Die P! Galerie führt Blockchain-Zertifikate für alle Designobjekte ein. Es ist ein Authentizitätszertifikat, das Sicherheit bietet. Es kann jederzeit überprüft werden, ist unzerstörbar, und keine Angaben können nachträglich manipuliert oder geändert werden. Während die meisten physischen Zertifikate heute keine oder nur kleine beigelegte Fotos als Beweis haben und einzelne Angaben einfach geändert werden konnten, ist diese digitale Form eine Garantie. Rein physische Zertifikate haben ihre Gültigkeit nur solange, wie die verkaufende Galerie existiert. Danach wird die Überprüfung schwierig. Der Beweis, dass das Objekt wirklich authentisch ist oder von der besagten Galerie verkauft wurde, wird bei den Nachkommen zu einem mühsamen Unterfangen. Unsicherheiten und daraus resultierende Wertverluste sind die Folge.
Diese Entwicklung der Blockchain-Zertifikate ist folglich keine technische Spielerei, sondern eine notwendige Antwort auf ein fundamentales Problem des Marktes, das sich besonders bei Chandigarh-Design zeigt. Sie haben nun ein physisches Zertifikat mit einem Link, die P! Galerie hat das Zertifikat im System, und zusätzlich ist es unauslöschbar auf einem Blockchain-Serversystem gespeichert.

Das Problem der fehlenden Dokumentation
Chandigarh-Möbel wurden nie im klassischen Sinne verkauft. Sie wurden verteilt, mitgenommen oder an Auktionen ohne klare Dokumentation versteigert. Originale oder eindeutige Kaufbelege existieren nicht. Die Provenienz basiert oft ausschließlich auf mündlicher Überlieferung, was diese Objekte besonders anfällig für Fälschungen macht. Erschwerend kommt hinzu, dass Kaufdokumente aus Indien verhältnismäßig leicht zu fälschen sind und auch öffentliche Institutionen leicht zu bestechen sind.

Die Blockchain als Lösung
Blockchain-Technologie ermöglicht erstmals eine unumstössliche, digitale Herkunftsdokumentation. Die Aufzeichnung kann nicht nachträglich manipuliert werden und wird ewig gespeichert. Selbst bei Verlust des physischen Dokuments oder einer Auflösung der Galerie bleibt das Zertifikat erhalten und abrufbar.

Was dokumentiert wird
Jedes Blockchain-Zertifikat der P! Galerie enthält eine umfassende Dokumentation: die Authentizität des Objekts, eine detaillierte Zustandsbeschreibung, Fotografien zur eindeutigen Identifizierung, die komplette Restaurationsgeschichte sowie die Expertise und Prüfung durch die Galerie. Der aktuelle Besitzwechsel zum Zeitpunkt der Zertifizierung wird festgehalten.

Wertsicherung für Generationen
Die Bedeutung dieser Zertifikate zeigt sich besonders bei der Weitergabe an Nachkommen oder beim Verkauf. Hier sind die Reputation der ausstellenden Galerie und die Vollständigkeit der Dokumentation entscheidend. Der Markt wird transparenter, Fälschungen werden erkennbar, und die gesicherte Authentizität führt zu einer nachhaltigen Wertsteigerung.
Mit diesem Schritt setzt die P! Galerie einen neuen Standard für den Umgang mit wertvollen Designobjekten, sodass diese nicht nur zur ästhetischen und geistigen Bereicherung dienen, sondern auch als Investition und Wertanlage eine gesicherte Zukunft haben.
le corbusier
Warum Authentizität beim Kauf von Chandigarh-Möbeln besondere Aufmerksamkeit erfordert

Warum Authentizität beim Kauf von Chandigarh-Möbeln besondere Aufmerksamkeit erfordert

2025 | 11 | 22



Authentizität:
Wenn es um Chandigarh-Möbel geht, ist Authentizität zentral. Es geht nicht nur um die Form, sondern um Geschichte und Wert. Und hier beginnen die entscheidenden Fragen: Was muss original bleiben? Welche Teile dürfen ersetzt werden? P! Galerie verkauft ausschließlich authentische Mid-Century-Stücke, bei denen alle Massivholzbestandteile original zu dem jeweiligen Objekt gehören. Beschädigte Teile werden niemals durch neue ersetzt, ebenso wenig werden andere beschädigte Möbel „kannibalisiert“. Klare rote Linien zu definieren ist unerlässlich. Viele Objekte sind beschädigt, und viele Händler ziehen diese Grenzen unterschiedlich. Klären Sie die Haltung der Galerie stets im Vorfeld.

Das Thema Furnier ist gesondert zu betrachten und hängt vom jeweiligen Objekt ab. Das dünne Furnier wurde auf Sperrholz verleimt, ist entsprechend fragil und wurde in den vergangenen siebzig Jahren häufig ersetzt. Auktionshäuser und renommierte Galerien akzeptieren den Austausch der furnierten Deckplatte, da dies Teil der Chandigarh-Realität ist. Art und Umfang eines solchen Eingriffs müssen im Zertifikat dokumentiert sein – was viele Galerien und Auktionshäuser versäumen. Bestehen Sie hier auf Transparenz.

Der Austausch von Polstern, Geflecht, Bezugsstoffen oder Schaumstoff ist Standard und beeinflusst den Wert nicht. Bei der Neulackierung von Metallteilen gehen die Meinungen jedoch auseinander. P! Galerie lehnt diese Praxis grundsätzlich ab; viele andere Galerien verfolgen einen weniger strengen Ansatz. Der Experte und Galerist Pedja Hadži-Manović sagt dazu: „Der Reichtum, die Tiefe und die Spuren von Gebrauch und Zeit in der Farbe sind essenziell für den Charakter, die Geschichte und den Wert eines Objekts. Ich halte neu lackierte Objekte für wertlos.“ Da manche Käufer eine optisch „präsentablere“ Erscheinung bevorzugen, kommen viele Galerien diesen Wünschen nach und lackieren die Stücke neu.

Ein Teil der Möbel wurde zwischen 1960 und 1985 repariert. Diese Eingriffe tragen heute eine eigene Patina und sind Teil der Objektgeschichte. Sie mindern den Wert nicht – im Gegenteil: Viele dieser Reparaturen sind handwerklich hervorragend ausgeführt und verleihen den Objekten zusätzliche Tiefe. Sie zeugen vom respektvollen Umgang mit den Möbeln in einer früheren Epoche. Entscheidend sind stets das konkrete Objekt, das Ausmaß des Eingriffs und die Art der Restaurierung. Vollständige Dokumentation ist nicht verhandelbar. Auch hier gilt: Transparenz ist zentral für Authentizität.

Zur zusätzlichen Stabilisierung werden Objekte mitunter demontiert und innenliegende Schrauben ergänzt. Diese Eingriffe sind funktional notwendig, müssen jedoch professionell ausgeführt werden, sodass sie von außen unsichtbar bleiben. Jedes Objekt erfordert eine individuelle Lösung, um Nutzbarkeit und Originalität in Balance zu halten. Die Möbel von Pierre Jeanneret erzählen ihre Geschichte über ihre Unvollkommenheiten. Alte Risse, Kratzspuren, abgenutzter Lack, Oxidationen durch jahrzehntelangen Gebrauch – dies sind die Fingerabdrücke der Authentizität. Angesichts der zunehmenden Zahl von Fälschungen ist es entscheidend, Objekte zu erwerben, bei denen der Nachweis der Authentizität nicht durch unsachgemäße Restaurierung ausgelöscht wurde. Es ist ratsam, den Charakter eines Objekts zu akzeptieren und manipulierte Stücke zu meiden, die auf den ersten Blick gefälliger erscheinen mögen. Bei P! Galerie werden tiefe Kratzer oder Löcher behutsam behandelt; sie sollen das Gesamtbild nicht dominieren. Ein Objekt soll als ganzheitliche Vision seines Schöpfers erfahrbar bleiben – inklusive seiner Narben.

Fragen Sie die Galerie stets nach allen Eingriffen und arbeiten Sie mit Häusern, die nachweisliche Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen.

Auswahlprozess:
Pedja Hadži-Manović wählt beispielsweise jedes Objekt für P! Galerie persönlich aus und erwirbt ausschließlich unrestaurierte Möbel. In Indien sind Rechnungen offizieller Stellen und Provenienzdokumente leicht zu fälschen und genügen nicht den Anforderungen einer verlässlichen Herkunftsnachweiskette. Die visuelle Prüfung jedes einzelnen Objekts ist daher entscheidend: Sie legt den tatsächlichen Zustand offen und macht Manipulationen sichtbar. Restaurierte Stücke verlieren häufig wesentliche Indikatoren, weshalb jedes Objekt im unrestaurierten Zustand begutachtet werden muss.

P! Galerie legt besonderes Augenmerk auf die Oberfläche und ihre Qualität. Entsprechend meidet die Galerie Möbel mit geschliffenen Oberflächen, bei denen entscheidende Informationen unwiederbringlich verloren gegangen sind, ebenso wie die populären schwarz lackierten Chandigarh-Stücke, da dunkle Farbe Manipulationen verdecken kann. Im Gegensatz zu Auktionshäusern trägt eine Galerie die rechtliche Verantwortung für die angebotenen Objekte. Pedja betont, Galeristen müssten „paranoid“ sein – nicht nur zum Schutz der eigenen Reputation und der Kunden, sondern weil der Verkauf einer Fälschung Betrug und damit eine Straftat darstellt. Diese Haltung unterscheidet ernsthafte Galerien von vielen Vintage-Händlern.

Unser Restaurierungsansatz:
Restaurierung erfordert ein sensibles Gleichgewicht zwischen Erhalt und Nutzbarkeit. Der Wert dieser Sammlerstücke gründet auf ihrer Authentizität; Restaurierungen müssen daher minimal und respektvoll erfolgen. Ein Abschleifen ist grundsätzlich ausgeschlossen, da es den einzigartigen Charakter zerstören und genau jene Spuren tilgen würde, die Authentizität belegen. Kleine Löcher, feine Risse, alte Absplitterungen, Unregelmäßigkeiten und Insektenschäden – insbesondere an den Unterseiten – bleiben sichtbar. Galerien wie P! Galerie lassen diese Bereiche bewusst unangetastet.

Mit Jeanneret leben:
Dies sind antike Möbel, die für den täglichen Gebrauch entworfen wurden – mit einer Einschränkung: Geflechtsitze benötigen Aufmerksamkeit. Kissen werden empfohlen, um ihre Lebensdauer zu verlängern, auch wenn Pedja selbst darauf verzichtet.
Das reich patinierte Holz erweist sich als bemerkenswert widerstandsfähig. Neue Kratzer werden Teil der Geschichte und fügen sich unauffällig in die vorhandenen Spuren ein. Ein wenig Politur oder Beize kann sie nahezu verschwinden lassen. Beschädigte Teile lassen sich fachgerecht reparieren. In einer Zeit, in der beschädigte Objekte oft sofort entsorgt werden, tragen Chandigarh-Möbel eine Geschichte von Zerstörung und Reparatur in sich. Das ist ein wesentlicher Teil ihres Wertes.

chandigarh-chair
Illegaler Markt für Pierre-Jeanneret-Objekte: Neuauflagen, Hommagen, Fälschungen

Illegaler Markt für Pierre-Jeanneret-Objekte: Neuauflagen, Hommagen, Fälschungen

2025 | 11 | 20


Die Möbel von Pierre Jeanneret aus dem Chandigarh-Projekt sind zu einem der weltweit begehrtesten Design-Sammlerstücke geworden. Dieser Erfolg hat einen massiven illegalen Markt geschaffen, der auf mehreren Ebenen operiert, jede mit eigener Logik und Methoden.
Einige Hersteller ignorieren das Urheberrecht vollständig. Andere nutzen rechtliche Grauzonen und Heuchelei aus. Und dann gibt es die offensichtlichen Fälscher, die Nachahmungen produzieren. Dies sind Aspekte, die man kennen sollte, bevor man entscheidet, welcher Weg für einen passt – besonders, da alle Anbieter behaupten, Originale zu verkaufen.

1. Illegale Neuauflagen?
Anbieter wie Srelle (Belgien), Phantom Hands (Irland), Dimo (Irland), Klarel (USA), Objet Embassy (Niederlande) und viele andere überschwemmen den Markt mit Chandigarh-Möbeln und behaupten, das Erbe von Pierre Jeanneret zu ehren. Aber was sie verschweigen: Jeannerets Urheberrechte sind bis 2037 geschützt, und keiner dieser Verkäufer besitzt eine Lizenz. Ihre Rechtfertigung? Die Werkstatt in Chandigarh sei ein kollektives Projekt gewesen, bei dem alles allen gemeinsam gehörte; sie erzählen die Geschichte eines „Open-Source-Design-Ansatzes“. Demokratisch, fast edel klingend. Dabei ist es vollkommen falsch. Die Urheberrechte gehören den tatsächlichen Autoren – Pierre Jeanneret oder Le Corbusier. Nicht automatisch den Projektleitern oder Architekten, die unter ihrer Leitung arbeiteten, z. B. Balkrishna Doshi. Nehmen wir Eillie Chowdhary und den Library Chair: Da es vermutlich ihr Entwurf ist, gehen die Rechte an sie. Wenn sie Entwürfe in seinem Namen und in seinem Atelier ausführt, würden sie ihm zustehen.
Alle diese Anbieter handeln jedoch, als sei diese Frage irrelevant, als könnten sie sie einfach umgehen, indem sie es als kollektives Eigentum definieren. Sie arbeiten ohne Genehmigung, verstecken sich hinter einer romantischen Geschichte: dass diese Stücke in einer urheberrechtsfreien Zone existierten, weil geistiges Eigentum damals keine Rolle spielte, weil keine Urhebervereinbarungen zwischen mit den damaligen Schreinerateliers bestanden, oder weil sie „originale Techniken“ verwenden. Eine bequeme Fiktion. Indisches und westliches Urheberrecht existieren, um die Rechte der Autoren zu schützen und dies zu verhindern. Der Eigentümer von Jeannerets Nachlass schützt die Rechte einfach nicht. Niemand kümmert sich. Und die illegale Verbreitung geht weltweit weiter – von Belgien über Irland und die USA bis in die Niederlande – ungeprüft.

2. Cassina nennt Kopien einfach Hommagen
Cassina besitzt die Corbusier-Urheberrechte und hat Jahrzehnte damit verbracht, ihre „Originale“ zu bewerben. Sie haben ein Imperium auf Authentizität aufgebaut. Als sie die Rechte an Pierre Jeannerets Chandigarh-Möbeln nicht erhielten und die Situation zu kompliziert wurde, machten sie etwas Auffälliges: Sie kopierten sie trotzdem und nannten es „Hommage“.
Man spricht von Tribut, davon, Jeannerets Erbe zu ehren, vermeidet aber sorgfältig, zu erwähnen, dass die verkauften Objekte von Pierre Jeanneret stammen. Vergleicht man ihre Hommagen mit den Originalen – gleiche Grössen, gleiche Proportionen, gleiche Details. Keine wesentlichen Unterschiede. Dies sind keine Interpretationen, sondern Reproduktionen. Dasselbe Unternehmen, das Anbieter, die Le Corbusiers Urheberrechte verletzen, aggressiv verfolgt, tut nun so, als gelte das Recht nicht, wenn es profitabel ist. Sie haben eine lukrative Schlupflochstrategie gefunden: Wenn man die Rechte nicht bekommt, einfach Aneignung als Respekt umbenennen.

3. Betrug: Neue Stühle als Vintage-Originale verkauft
Während ein Markt sich auf neue Objekte konzentriert, gibt es einen anderen Markt von Galerien und Vintage-Händlern, die alte, authentische Pierre-Jeanneret-Stücke anbieten. Da diese wertvoll sind, existieren Betrüger, die brandneue Möbel künstlich altern lassen und als Originale der 1950er–1960er Jahre verkaufen – weniger als Urheberrechtsverletzung, sondern als kriminellen Betrug. Der Markt ist dabei durchaus innovativ.
Neue Objekte als Vintage zu verkaufen, ist strafbar und kann in der EU/USA zu Haftstrafen führen. Es gibt subtilere Betrügereien, bei denen beschädigte Teile ersetzt, aber nicht angemessen dokumentiert wurden. Jeder Teil wird als Original-Mid-Century präsentiert, ohne die Erneuerungen zu kennzeichnen. Galerien oder Vintage-Händler tun hier oft so, als wüssten sie es nicht, doch Unwissenheit schützt nicht vor Betrugsvorwürfen. Dies ist nicht nur unethisch – es ist kriminell.

4. Vintage-Originale
Vintage-Stühle aus der Chandigarh-Periode sind die authentischste Option. Im Gegensatz zu Neuauflagen oder Kopien sind sie genuine historische Objekte mit eigenem Wert. Während Reproduktionen sofort nach dem Kauf an Wert verlieren, behalten Vintage-Stücke ihren Wert oder steigern ihn.
Jedes Vintage-Objekt aus Chandigarh ist einzigartig. Kein Stuhl gleicht dem anderen exakt, diese Individualität verleiht Aura, die Massenware nicht erreichen kann. Neuauflagen wirken oft steril – perfekte Formen, makellose Holzoberflächen. Vintage-Stücke zeigen Patina, Gebrauchsspuren und subtile Verzerrungen, die ihre Geschichte erzählen. Wer technische Perfektion priorisiert, wird mit authentischen Stücken und ihren Unvollkommenheiten nicht zufrieden sein.
Der Preis ist ebenfalls relevant. Ein vintage schwebender Bürostuhl mit Rohrgeflecht kostet zwei- bis dreimal so viel wie eine Neuauflage. Bei Großprojekten wie Hotels erscheint der niedrigere Preis der Reproduktionen praktisch – dabei wird übersehen, dass Vintage-Stücke an Wert gewinnen, Kopien jedoch verlieren.
Selbst der Vintage-Markt birgt Risiken: Man könnte Premiumpreise für eine Fälschung oder ein stark restauriertes Stück mit ersetzten Teilen zahlen. Erfolg erfordert entweder Expertise zur eigenen Authentifizierung oder eine Galerie mit bewährtem Ruf.

Wie entscheiden?
Die Wahl ist nicht nur ein Vergleich der Optionen. Es gibt tiefere Fragen:

Die ethische Frage:
Ist der Schutz der Rechte des Autors wichtig? Da Pierre Jeanneret verstorben ist, profitieren die Rechteinhaber, nicht der Schöpfer selbst. Urheberrechte zu ignorieren ist unethisch, der Schaden erscheint jedoch oft gering – oft wird es als „Gentleman-Delikt“ betrachtet, ein bisschen Robin-Hood-Mentalität erleichtert die Rechtfertigung. Jeder Anbieter hat eine moralische Geschichte: Erbe schützen, Chandigarhs Vision respektieren, originale Techniken ehren, talentierte Handwerker unterstützen. Diese Marketingstrategien umgehen geschickt das Urheberrecht. Die Frage bleibt: Ist Urheberrecht immer etwas Gutes, das respektiert werden sollte, oder blockiert es als Monopol die Wertschätzung bescheidener Gestaltung durch Menschen mit kleinerem Budget? Die Antwort hängt stark von der Perspektive ab.

Die Qualitätsfrage:
Präzision der Form definiert hier keine Qualität. Entscheidend sind Proportionen, Nähe zur ursprünglichen Vision und die Schönheit des Ergebnisses. Holzfarbe, Textur und Balkendicke prägen den Charakter eines Stücks.
Die Patina ist der entscheidende Faktor – sie erweckt die einfachen geometrischen Formen zum Leben und definiert die Einzigartigkeit jedes Stücks. Dies berührt Walter Benjamins Begriff der „Aura“ bei der Frage nach Kunstreproduktionen. Ein authentisches Objekt mit Geschichte lässt uns mehr sehen, mehr projizieren, schafft eine andere Beziehung als eine Neuauflage oder Massenware. Aura und Patina machen Vintage-Stücke reicher – und sind kaum in Reproduktionen zu kopieren.

Die Preisfrage:
Manche sehen die Stühle als Investition, manche als Sammlerstück, andere achten nur auf Authentizität. Wer auf Budget achtet oder achten muss, findet in einer Neuauflage eine legitime Option – ein Weg, ein gewünschtes Objekt zu besitzen, ohne finanziell überfordert zu sein. Chandigarhobjekte werden so erschwinglich und sind nicht nur das Privileg des reichen Konsumenten. Die meisten Möbel waren als preiswerte Lösung für Chandigarh gedacht, so darf man ruhig kritisch sein, dass die Objekte plötzlich zum Luxusprodukt wurden. Es wäre wohl auch ganz im Sinne Pierre Jeannerets, dass sich jeder solche einen Stuhl leisten kann. Rechtlich korrektes Verhalten darf auch relativiert werden. Dass sich hier primär westliche Unternehmen und nicht die Handwerker bereichern, ist leider schade daran.

Am Ende geht es um Prioritäten. Was ist Ihnen wichtiger: rechtliche Klarheit, Wertsteigerung, ästhetische Seele oder erschwinglicher Besitz? Es gibt keine universell richtige Antwort. Wichtig ist zu verstehen, was man kauft, was man unterstützt und welche Kompromisse man eingeht.
swiss design P! galerie. A gallery offering items by Tom Strala oder Pedja Hadzi-Manovic
Schweizer Nonkonformisten | Eine kritische Neubeurteilung

Schweizer Nonkonformisten | Eine kritische Neubeurteilung

2025 | 11 | 14

Der Kanon des Schweizer Designs wird oft auf wenige punkte reduziert: eine Erzählung technischer Präzision, funktionaler Raffinesse und des moralischen Imperativs der „Guten Form“.¹ Dieses Dogma kodifizierte Schweizer Design als Abbild vom Moral, Bescheidenheit und objektiver Richtigkeit.² Doch wie die Ausstellung CH-DSGN – The Swiss Non-Conformists (2023) zeigte, fasst diese Narration nicht die Qualitäten des Schweizer Designs. Unter der Oberfläche liegt eine radikale, archaische und bewusst ungeschmückte Tradition – eine, welche die Grundlagen ihres eigenen Erbes infrage stellt und gleichzeitig den Reichtum und Komplexität des Schweizer Designs aufzeigt.

Kuratiert von P! Galerie, formulierte die Ausstellung eine provokante These: Das überzeugendste Schweizer Design ist nicht durch das Befolgung moralischer oder ästhetischer Konventionen definiert, sondern durch seine Bereitschaft, diese zu unterlaufen. In den Worten des Galeristen und Kurators:

“Schlechtes Schweizer Design ist anständig und moralisch. Gutes Schweizer Design hingegen ist archaisch und radikal.“

Eine verborgene Genealogie

Die Ausstellung legte eine Parallelgeschichte offen – keine der Verfeinerung, sondern der trotzigen Direktheit, in der das Schlichte, das Grobe und das scheinbar Naive eine tiefere, archaische Tradition freilegen. Diese Tradition sucht keine Legitimation durch Dogma, Stil oder Intellektualismus, sondern durch eine spezifische Radikalisierung: eine kompromisslose Reduktion auf das Elementare.

Schweizer Design als Nicht-Design
Die radikalsten Schweizer Arbeiten entziehen sich jeder Kategorisierung. Technologie, Pragmatismus oder Funktionalismus sind relevant, jedoch lediglich als Rahmen. Schweizer Design verkörpert eine puritanische Moderne: die Ablehnung des Effekthaschens, die Ablehnung konzeptueller Überdetermination. Hier ist Design reine Reduktion. Bedeutung entsteht nicht aus formalen Entscheidungen, sondern aus dem Notwendigen. Das Archaische und das Primitive überwinden Fragen von Stil und Mode. Sie verhandeln nicht mit Trends und Haltungen; sie existieren jenseits davon. Hier wird Schweizer Design relevant und radikaler als die französische, italienische, nordische oder brasilianische Designtradition, die sich primär auf Stil, Ästhetik und Gefälligkeit konzentrieren.

Heute ist Design oft nur Dekoration
Es glänzt, es gefällt, es verkauft – doch es sagt nichts. Getrieben von Marktlogik oder Nostalgie produziert die Industrie stilistische Zitate statt Substanz, Effekte statt Experimente. Selbst Rebellion ist zur Marketingstrategie geworden. Design ist zu einer gut gekleideten, teuren Prostituierten geworden – ein Produkt einer aggressiven Industrie.

Aus diesem Grund präsentiert P! Galerie eine begrenzte Auswahl radikalen Schweizer Designs: Arbeiten, die sich verweigern, die herausfordern statt zu gefallen, und die die Fähigkeit des Designs zurückfordern, zu provozieren und zu befragen.

Werfen Sie einen Blick auf unseren Katalog (pdf).
P! + PAGE GALLERY TOKYO
P! + GALERIE PAGE TOKYO|Eine Kooperation

P! + GALERIE PAGE TOKYO|Eine Kooperation

2025 | 07 | 23

Ich freue mich, unsere neue Kooperation mit GALERIE PAGE TOKYO bekannt zu geben, geleitet vom Galeristen und Sammler Takeshi Ota, ansässig in Tamagawa Denenchofu, Setagaya-ku, Tokio. Gemeinsam werden wir ausgewählte Positionen des Schweizer Nonkonformismus sowie internationale Designprojekte einem japanischen Publikum präsentieren. Uns verbindet ein gemeinsames Interesse an nonkonformem Design – an Objekten, die sich dem Dekorativen verweigern und Normen infrage stellen. Die Zusammenarbeit umfasst kuratierte Präsentationen in Tokio und Europa und beginnt mit einem Schwerpunkt auf experimentellem Möbelbau und proto-architektonischen Formen.
swiss design CH-DSGN at P! Galerie
Nonkonformes Schweizer Design in Maskat | CH-DSGN

Nonkonformes Schweizer Design in Maskat | CH-DSGN

2023 | 03 | 7


Am 1. Februar 2023 präsentierte P! GALERIE auf Einladung von S. E. Jamal al-Moosawi, Generalsekretär, eine Ausstellung zu Schweizer Design im Nationalmuseum des Sultanats von Oman. Das Museum, direkt gegenüber dem Königspalast in Maskat gelegen, zeigte die Ausstellung in seiner zentralen Ausstellungshalle. Offiziell eröffnet wurde sie von Sayyid Bilarab bin Haitham Al Said, dem Sohn des Sultans. Was folgte, war keine konventionelle Designausstellung, sondern ein konzeptuelles Statement. Keine Szenografie. Kein eventhafter Gestus. Nur Objekte auf dem Boden.

Anstatt die gängigen Narrative von „Schweizer Präzision“, „rationaler Intelligenz“ oder „Funktionalität als Tugend“ zu wiederholen, konzentrierte sich die Ausstellung auf Nonkonformismus, Rohheit und Zweifel im Design. Bedeutende Objekte von Pierre Jeanneret und Le Corbusier aus UNESCO-Welterbestätten sowie Arbeiten von Tom Strala wurden direkt auf dem Museumsboden platziert - ohne Sockel, ohne Vitrinen. Der Ausstellungsboden selbst wurde zum konzeptuellen Element: ein mit Kreide gezeichneter Grundriss eines virtuellen Gebäudes – nicht mehr und nicht weniger – ephemer und fragil. Eine Methode, entlehnt dem epischen Theater Bertolt Brechts und später aufgegriffen in Lars von Triers Dogville. Keine projizierten Emotionen, Gedanken oder Moral – vielmehr ein Leerraum, der eigene, individuelle Wahrnehmungen ermöglicht. Da die Objekte nicht auf einem Sockel standen, konnten die Besucher sie berühren und direkt erfahren. Stühle wurden nicht als Kunstobjekte isoliert, sondern blieben physische, benutzbare Dinge. Die Ausstellung verweigerte sowohl Objektfetischismus als auch didaktische Autorität. Die Besucher konnten sich frei bewegen, ohne auf die Rolle passiver Betrachter oder Bewunderer reduziert zu werden. Sie waren eingeladen zu hinterfragen, zu reflektieren, Verbindungen herzustellen.

Dieses Format vermied jede dekorative Ablenkung. Es war eine Geste der Reduktion – jedoch nicht im marktfähigen, minimalistischen Sinn. Es bestand auf Präsenz, auf der skulpturalen Wahrheit jedes einzelnen Objekts. Nichts wurde verborgen, nichts geschönt. „Schweizer Design ist nichts Anständiges“, sagte Pedja Hadži-Manović, Kurator der Ausstellung. „Es muss radikal sein. Es muss sich der Kultur des Kompromisses widersetzen.“

In diesem Geist zeigte die Ausstellung eine Werkgruppe, die im Schweizer Kanon meist vernachlässigt wird: experimentelle, unvollkommene Möbel – schlicht, primitiv, beinahe kindlich. Eine lange übersehene Seite des Schweizer Designs wurde hier sichtbar gemacht. Gerade diese Ästhetik des Schlichten und Spielerischen fand Resonanz bei den omanischen Besuchern – in einer Kultur, in der Zurückhaltung und Einfachheit noch Bedeutung tragen. Anstatt Nachhaltigkeit oder Moral zu predigen, eröffnete die Ausstellung einen Raum zur Reflexion: über Wert, Fragilität und unerwartete Gemeinsamkeiten zwischen entfernten Kulturen. Der Grundriss – Kreidelinien, die langsam verblassten – wurde zu einer stillen Metapher für Vergänglichkeit. Was blieb, war Klarheit.

Dies war kein Kompromiss.
Es war eine radikale kuratorische Entscheidung.
Eine nonkonforme Bühne für Objekte, die sich nicht fügen.
mid century art selling
Glashaus II | Erweitert auf 480 m²

Glashaus II | Erweitert auf 480 m²

2018 | 12 | 20


Wir haben unseren Ausstellungsraum erweitert. Glashaus I und II zusammen bieten 480 m² Fläche in zwei ehemaligen Gewächshäusern. Nichts Geschöntes. Eher eine Lagergalerie als eine Boutique. Die rohe Struktur bleibt sichtbar, im Einklang mit den kompromisslosen Artefakten, die wir ausstellen. Die Glashäuser sind zugleich Lager und Ausstellungsort.

Champagner, Cognac, Gin, japanischer Whisky und Schweizer Schokolade warten auf Ihren Besuch.
[:en]teak furniture interior design[:]
Design als Klon der Seele – ein  Interview mit dem Galeristen P. Hadži-Manović

Design als Klon der Seele – ein Interview mit dem Galeristen P. Hadži-Manović

2016 | 07 | 15


Dieses Gespräch zwischen Martha Kern und Pedja Hadži-Manović untersucht den metaphysischen Charakter des Designs von Chandigarh – nicht dessen historischen Kontext oder faktische Ebene. Wir sind gewohnt, unseren Verstand einzusetzen und können so Bedeutung und Wert eines Designstück auf intellibler Ebene fassen. Design ist jedoch mehr, wird auch als unbewusst und emotional wahrgenommen. Erst hier wird Design komplex. Design ist mehr als bloße Dekoration oder Zeitgeistphänomen; es fungiert als Wahrnehmungsphänomen, das als solches dringt es tief in uns und unser sein ein.

Was schätzen Sie am Design von Chandigarh?
Ich liebe Le Corbusier und seinen Cousin Pierre Jeanneret, die uns beide großartige Gebäude hinterlassen haben. Es muss einen Grund geben, warum wir sie zu den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts zählen (lacht). Die meisten Architekturtheoretiker schätzen ihr Werk, weil es das Konzept der Moderne und ihre Dogmen vorangetrieben hat. Was ihr Œuvre jedoch so reich macht, sind die existenziellen Fragen, die es aufwirft und die ihren Entwürfen eine spirituelle Dimension verleihen.
> more
 


Der Philosoph Walter Benjamin betonte den rituellen Aspekt der Kunst und die Tatsache, dass sie als Zugang zu unserem Unterbewusstsein fungiert – mit seinen Ängsten, Begierden und anderen Emotionen. Hier werden Kunst und Design intensiv.


Aber sie entwarfen für eine moderne Gesellschaft, die einen rationalen Ansatz suchte. Das widerspricht deinem Standpunkt.

Natürlich. Chandigarh war eine Stadt, die das Ideal einer modernen, rationalen Lebensweise verkörpern sollte. Doch ehrlich gesagt, waren ihre Gebäude nicht besonders funktional. Darum ging es nicht primär. Sie versuchten, ihre rationalistische Ideologie mit einem irrationalen, metaphysischen Moment aufzuladen. Le Corbusier definierte Architektur einmal als Dienst am Tier, am Herzen und am Geist (servir à la bête, et au cœur, et à l’esprit). Das ist ausgesprochen anti-rational und betont den animalischen Aspekt der Wahrnehmung. Hinter der rationalen Fassade existiert eine tiefere Schicht, die unsere Seele berührt und das Tier in uns weckt.

Ist das der Schlüssel zum Verständnis ihrer Objekte und Architektur?
Ich glaube ja, würde jedoch das Wort „Verstehen“ vermeiden. Kunst ist ein Medium, das mit Bildern arbeitet und vielfältige Sinneseindrücke erzeugt. Manche erscheinen unlogisch und sind nicht klar zu fassen – Design wirkt wie Kunst als kultisches Fetischobjekt. In sie projezieren wir unser Visionen, wie etwas von Ewigkeit, Leben, Tod, Freiheit, Reinheit, Grossartigkeit, Heiligkeit oder Richtigkeit. Ihre Abstraktion fordert uns auf, Fragen zu stellen, die durchaus existenziell sind. Am Ende geht es weniger um das Designobjekt selbst als um seine Fähigkeit, Emotionen oder spirituelle Ideen auszudrücken, die tiefer reichen als rationales Denken.



Kann ein einfacher Tisch wirklich eine solche Komplexität enthalten?

Ja. Andernfalls würde er uns nicht berühren. Der Konferenztisch wie auf den Abbildungen hier von Pierre Jeanneret wirkt banal. Doch gerade diese Rauheit bringt Radikalität zum Ausdruck und provoziert grundlegende Fragen des Seins. Dieser Tisch steht für das Elementare, alles Überflüssige wurde getilgt. Er weckt Neugier auf das Existenzielle oder auf das Unverdorbene. Hier regt Design zur Reflexion über uns selbst und unser Inneres an.



Sie glauben also, der Tisch offenbare eine tiefere Wahrheit?

Ja, in gewisser Weise – aber nicht so, wie man vielleicht denkt. Alles in Pierre JeanneretsPierre Jeanneret Design wirkt pragmatisch und ehrlich, doch Wahrheit im Design wie in der Kunst sind immer eine Illusion. In dem Versuch, wahrhaftig zu erscheinen, liegt ein faszinierender Widerspruch, den Jeanneret verstand und bewusst nutzte. Für den Bibliothekstisch entwarf er beispielsweise eine sehr dick wirkende Platte, die den Eindruck eines massiven Blocks vermittelt. Blickt man jedoch darunter, erkennt man, dass nur der Rand dick ist, während der Kern dünn bleibt. Wahrheit und Illusion existieren gleichzeitig und verweisen auf ein bestimmtes Weltbild.




Suchen Sie in diesen Objekten also die Komplexität des Menschen?

Das berührt mich am meisten. Diese Stücke sind Werkzeuge, um uns selbst zu verstehen – Themen von zeitloser Relevanz. Zeitgeist oder manieristische Fragen interessieren mich nicht; ich brauche Tiefe, um angeregt zu werden. Gleichzeitig reagiert jeder Mensch anders auf diese Objekte: auf ihre formale Einfachheit, ihre Nonchalance, ihren rohen Charakter oder ihre Patina. Jeannerets Objekte besitzen viele Schichten, und jedes Mal entdeckt man eine neue.

Bitte missverstehe mich hier nicht. Ich sehe hier keine Wahrheit, kein Glück, nichts Göttliches, auch möchte ich in diesen Objekte nicht als Selbstfindungstherapie verkaufen. Ich sage nur, dass sie die vermögen uns zu faszinieren und bestimmte Sehnsüchte in sich zu projizieren.

Warum sind diese Designobjekte heute so teuer?

Der Wertbegriff unterscheidet sich grundlegend vom Qualitätsbegriff. Ja, diese Objekte sind teuer. Sie wurden von einem der bedeutendsten und einflussreichsten Architektenduo des 20. Jahrhunderts entworfen. Jedes Stück ist ein Unikat, mit eigenen Maßen, und unterscheidet sich stark von der industrialisierten Massenproduktion wie etwa bei Eames, Mies van der Rohe oder Kjaerholm. Seit Chandigarh zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde, erfährt es zudem deutlich mehr Aufmerksamkeit. Um 2010 gabe es auch einen Hype, welcher überwunden wurde. Die außergewöhnliche Patina, die Geschichte sichtbar macht, findet sich mit dem Bedürfnis des Sammlers etwas einmaliges zu finden.

Ist es nicht pervers, dass ein Design für einfache Menschen heute so teuer ist?

Le Corbusier und Pierre Jeanneret entwarfen für Reiche und Arme auf dieselbe Weise. Sie suchten nach einer Sprache für den Menschen – nicht für eine bestimmte soziale Schicht.



Aber heute zahlt man 100.000 Euro für einen Tisch von Pierre Jeanneret – ist das nicht verrückt?

Vielleicht ist es verrückt, wenn man kein Geld hat. Kann man es sich leisten, sieht das anders aus. Stellen Sie sich vor, Sie sind sehr reich und haben die Wahl zwischen einem guten Tisch für 1.000 Euro und meinem fantastischen Tisch für 100.000 Euro. Wenn Geld keine Rolle spielt, warum sollten Sie den günstigen wählen? Meine Tische sind magisch – ein primitives Artefakt: asketische Rauheit, archetypische Form, Großartigkeit. Zudem ist es einer der wichtigsten Tische des 20. Jahrhunderts. Das ist das Schöne am Geldes: Man kann es gegen etwas Spirituelles eintauschen, gegen ein solches Designobjekt.